An mein Kind

Ich hab dich unter dem Herzen getragen, hab mich von dir treten und boxen lassen und gelächelt, wenn ich wegen dir unerotische Miederunterwäsche tragen musste oder wie ein Fisch am Trockenen japsend auf der Couch lag und nicht hochkam.

Dann wolltest du die Welt kennenlernen und ich hab dich zum ersten Mal losgelassen.
Ich wusste, welcher Schmerz dabei auf dich und mich zukommt, und hab es zugelassen.
Du warst da, und meine Welt war perfekt. Ich war rund um die Uhr für dich da und deine Welt war perfekt.

Dann wolltest du die Welt entdecken und mit jedem Meter, den du erst gekrabbelt und dann gelaufen bist, musste ich dich ein Stück loslassen.
Ich wusste, dass du dabei auf die Nase fallen würdest und hab es zugelassen.

Dann wurde dir dein Reich zu klein, du wolltest anderswo übernachten, Freunde besuchen, in den Kindergarten gehen, jedesmal ein kleiner Abschied, oftmals mit Tränen.
Ich wusste, dass du dich an deinen Teddy kuscheln würdest, um stark zu bleiben und dass du nach mir rufen würdest – und hab es zugelassen.

Dann wolltest du die Welt begreifen und gingst in die Schule. Plötzlich konntest du alleine Bus fahren, zu Fuß ins Einkaufszentrum gehen, dich mit Freunden treffen, Radfahren.
Und immer wusste ich, welchen Gefahren du dabei ausgesetzt bist – und hab es zugelassen.

Zwischen all diesen Stationen gab es Tränen, Schmerzen, Enttäuschungen, Trauer – ich hab dich in den Arm genommen, dich getröstet, ein Pflaster auf die Wunde geklebt und dir gesagt, alles wird wieder gut.

Dann wolltest du deine eigene Welt erschaffen und kamst in die Pubertät. Mit allen, was dazugehört. Aufsässig, rebellisch, zurückgezogen, abweisend – und zwischendurch immer wieder anschmiegsam, Geborgenheit suchend, hilfsbedürftig.
Ich wusste, wie schwierig dieser Weg für dich ist, wie weh du mir und dir dabei tust – und hab es zugelassen.

Dann warst du plötzlich groß, du wusstest, was du werden willst, du hattest einen Freundeskreis, den ich nicht mehr kannte. Du warst verliebt, du hast Dinge ausprobiert, von denen ich nichts mehr wusste, du hast dir deine Welt gebaut.
Ich wusste, welche Stolpersteine vor dir liegen und welche Erfahrungen du machen würdest, bis du wirklich fest im Leben stehst – und hab es zugelassen.

Dieses “Zulassen” hat mir oftmals mehr weh getan als jeder gebrochene Arm oder gebrochenes Herz dir wehgetan hat – ich wusste die Lösung und hab dir trotzdem den Platz gegeben, deine eigene zu finden.
Mit diesem “Zulassen” hab ich dir das wichtigste gegeben, dass du brauchst: das Vertrauen in dich selbst, es zu schaffen. Was immer dieses “es” sein wird.

Mein Kind, ich liebe dich über alles! Ich werde dich immer wieder loslassen, aber ich werde dich nie alleine lassen.

Bettina

Wollverkauf |Energetikerin | Autorin | Mama | Ehefrau | stricken, lesen, bloggen, Reisen mit dem Womo

9 Gedanken zu „An mein Kind

  • 4. Juli 2012 um 13:00
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    Hast du das geschrieben??? Uuuuur schön… Wirklich toll!

  • 4. Juli 2012 um 13:10
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    Ja, das hab ich geschrieben. Ist mir die letzten Tage so aufgefallen, wie sich alles wiederholt und das man Erfahrungen einzig und allein für sich selbst machen kann, weil man sie nicht weitergeben kann. Man würde so gern dem Kind den Schmerz abnehmen, aber das geht nicht.

  • 4. Juli 2012 um 13:11
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    das ist wunderschön & so treffend !!! ich glaube du sprichst vielen müttern aus der seele bzw. dem herzen!!!

  • 4. Juli 2012 um 13:14
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    Danke, Heidi – das glaube ich auch, aus diesem Grund habe ich es auch nicht einer meiner Töchter gewidmet, sondern als Mutter an mein Kind geschrieben. Egal welches Kind oder Alter, es ändert nichts am Grundlegendem.

  • 4. Juli 2012 um 13:25
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    *schnief* Da muss jede Mutter weinen glaub ich. Man kann sich einfach nicht vorstellen wie das ist, solang man keine Kinder hat

  • 4. Juli 2012 um 13:31
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    Das vielleicht nicht, Susie, aber wir alle sind auch dieses Kind einer Mutter, die genau das gleiche mitgemacht hat.

  • 4. Juli 2012 um 18:04
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    *schluchz*
    Wunderschön.
    :cry: ich hab dich auch lieb Mommy

  • 18. September 2014 um 09:15
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    Einfach nur eine Umarmung des Herzens – weil alles genau so ist und sich endlos in jedem Alter, so lange wir Mütter sind, wiederholt – denn diese Verbindung ist ein Loslassen ohne je getrennt zu sein??
    Wunderschön geschrieben, danke!

  • 18. September 2014 um 09:25
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    <3 So ist es, meine Liebe! Loslassen ohne zu trennen! <3

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